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17.07.2008

Lernen mit den Händen – bei dem Projekt „Lust auf Genuss” üben sich Fünftklässler auch im Kochen

Note eins für den Gelberübensalat

Was ist bloß ein Schuss Milch? Ali schaut ratlos auf das Rezept, das vor ihm auf dem Tisch liegt. Er kann sich nicht vorstellen, dass die beiden Worte einen Sinn ergeben.



Da greift Sozialpädagogin Angela Plankensteiner hilfreich ein, denn lange mag sich der Zwölfjährige mit dem Problem bestimmt nicht herumschlagen. Schon knufft ihn sein Nachbar zur Linken in die Seite, Alis Kochpartner plappert bereits wieder drauflos und kippelt mit dem Hocker. Frau Plankensteiner greift sich also resolut die Milchtüte, drückt sie Ali in die Hand und sagt: „Einfach, zack, ein bisschen was reinschütten in den Quark.”

Dienstagvormittag, eineinhalb Stunden Kochen mit der Ernährungswissenschaftlerin Silke Zotter. Es ist inzwischen die achte Woche. Die Schüler haben über richtige Ernährung gesprochen und eine Pyramide dazu gemalt, sie haben Obst auf Spieße gesteckt, Waffeln gebacken, Brotgesichter erfunden und eine andere Klasse zu selbstgemachten Leckereien eingeladen. „Die Kinder sollen lernen, ein Rezept zu lesen, einfache Gerichte zuzubereiten, und sich an Tischsitten und gemeinsames Essen zu gewöhnen”, sagt Silke Zotter und fügt hinzu: Das „hehre Ziel der Ernährungsumstellung” sei schwer zu erreichen. Doch zumindest sollen die Fünftklässler einmal Bekanntschaft machen mit selbstgekochten Speisen, die gesund sind und schmecken. „Sonst kennen sie die Kartoffeln nur als Pommes frites”, fürchtet Plankensteiner.

Der Kater auf dem Blatt Papier, das die Schüler am Stundenanfang bekommen, schaut freundlich, doch die Regeln, die er empfiehlt, rufen nur mäßiges Interesse hervor. „Was müssen wir beachten, wenn wir für andere kochen?”, fragt Silke Zotter in die laute Runde. „Händewaschen”, kommt es zögernd. „Man soll gesund sein”, erinnert sich Amina, worauf Ernad demonstrativ niest und Thomas witzelt: „Lange Haare müssen vor dem Kochen abgeschnitten werden.” Frau Zotter ignoriert die Bemerkung und gibt Amina eine Spange, damit sie ihre Locken zurückbinden kann. Die Vorstellung, dass diese übermütige Rasselbande gleich das Mittagessen für die ganze Klasse, Ofenkartoffeln mit Kräuterquark und Gelberübensalat, zubereiten wird, fällt in diesen Minuten schwer. Ein Junge wirft Kartoffeln hoch und fängt sie wieder auf, ein zweiter ruft „eklig”, als Frau Zotter noch Mais und Speck zum Anbraten aus ihrem Einkaufskorb holt, und ein dritter beginnt, das Quarkrezept lauthals vorzusingen, bis er beim „Akaziiinhonig” irritiert stoppt.

Die Schüler werden in Zweiergruppen aufgeteilt, jede übernimmt eine andere Aufgabe. Und dann passiert, was vorher unmöglich schien: Es kehrt Stille ein in der „Mensa”, wie Küche und Essraum in der Hauptschule an der Bernaysstraße heißen. Jedes Kind widmet sich plötzlich konzentriert seiner Tätigkeit. Ernad behandelt die Kartoffeln nun wie ein rohes Ei, träufelt sorgfältig Öl darüber und wickelt sie langsam in Alufolie. Auch Axel hilft beim Würzen und Verpacken der braunen Knollen. Ali müht sich erst mit dem Kochlöffel und dann mit dem Schneebesen um die richtige Konsistenz für den Quark und lässt sich bereitwillig zeigen, wie die weiße Masse geschmeidiger wird. Thomas schnippelt Petersilie und Schnittlauch wie ein Weltmeister. Und die beiden Mädchen, Amina und Franziska, hantieren geschickt zuerst mit dem Möhrenschäler und dann mit der Küchenmaschine, mit deren Hilfe sie das Gemüse in feine Streifen raspeln.

In der ersten Stunde hätten sich noch mehrere Schüler beim Obstzerkleinern in die Finger geschnitten, erzählt Silke Zotter, der Umgang mit Küchenwerkzeug sei den meisten fremd gewesen. Sie freut sich über die Fortschritte, auch die Sozialpädagogin ist mit der Kochstunde zufrieden. „Die Schüler lernen am besten, indem sie möglichst viel selber mit ihren Händen machen” , lautet ihr Rezept.

Für die meisten Kinder, die hier am Werk sind, war Schule bisher kein besonders beglückender Ort. Schon in der Grundschule gab es Anzeichen des Scheiterns oder der Tendenz, die Stätte der Niederlagen zu meiden. Deshalb hat die Stadt München ein Modellvorhaben entwickelt, das frühzeitig und präventiv beim Übertritt in die Hauptschule unterstützt und erstmals an der Bernaysschule im Münchner Norden erprobt wird. Auf freiwilliger Basis übrigens, die Eltern freuen sich, dass ihr Nachwuchs speziell und ganztags betreut wird, in einer Klasse mit nur 14 Kindern und Sozialpädagogen im Unterricht.

Die Elf- und Zwölfjährigen treffen sich schon zum Frühstück in der Mensa. „Anfangs wollten sie nur Weißbrot, doch mittlerweile essen sie auch Kornsemmeln und manchmal sogar Tomaten”, sagt Plankensteiner, „es schmeckt ihnen, da hat sich was entwickelt.” Auch mittags setzen sich die Fünftklässler gemeinsam zu Tisch. „Kuss” heißt die Initiative, die für „Kinder, Unterricht und Systeme für Schulerfolg” steht und von der siebten Jahrgangsstufe an wieder in die übliche Hauptschulklasse mündet. „Wir versuchen, Spaß und Erfolg in der Schule zu vermitteln”, erklärt die Sozialpädagogin, deshalb würden gerne Projekte wie der Kochkurs „Lust auf Genuss” ins Klassenzimmer geholt. Der Rotary-Club München-International sponsert die Aktivität des „Kuratoriums Schulverpflegung”, für das die Ökotrophologin Silke Zotter arbeitet.

Der gemeinnützige Verein unter Vorsitz des Pädiaters Berthold Koletzko, dem Leiter der Abteilung für Stoffwechselstörungen und Ernährung am Haunerschen Kinderspital, ist vor fast 25 Jahren gegründet worden, um die Ernährung in Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen zu verbessern. Damit die Kinder, die über die Schülerlunch-Aktion der SZ ihr Mittagessen kostenlos erhalten, und ihre Klassenkameraden gesund und schmackhaft satt werden, können sich deren Schulen vom Kuratorium beraten lassen. Eine ernährungswissenschaftliche Fachkraft stimmt in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten die Mittagsverpflegung auf die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten ab.

Nicht nur der Kochkurs, sondern auch die Teilnahme am Münchner Straßenfußball-Turnier „Bunt kickt gut” gehört für die Klasse zu den angesagten Projekten. Über das nachmittägliche Training unterhalten sich die Jungen jetzt, als die Kocherei dem Ende zugeht. Wer die meisten Tore schießen wird, ist einfach spannender, als den Tisch zu decken und Geschirr zu spülen. Da kommt es schon mal vor, dass Messer und Gabeln am falschen Platz landen und für den Abwasch einige Ermunterung nötig ist. Schließlich sollen solch ungeliebte Arbeiten nicht automatisch an den Mädchen hängenbleiben. Dennoch sind sich alle einig: Kochen ist gar nicht so übel. Auf der Beliebtheitsskala rangiert es gleich hinter Fußball und Freiarbeit – und weit vor Mathematik.

Kochlust statt Schulfrust: Sozialpädagogin Angela Plankensteiner (links) und Ernährungsexpertin Silke Zotter geben den Fünftklässlern gute Tipps, damit die Zubereitung des Mittagessens gelingt.

(SZ vom 17.07.2008)