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17.12.2011

SZ – Landkreisausgabe

Wegweiser im Pflegedschungel

Die Leidensgeschichte von Markus P. (Name von der Redaktion geändert) ist für Außenstehende eigentlich kaum zu fassen: als Baby mit offenem Rücken, offenem Bauch und schweren Missbildungen an den Beinen zur Welt gekommen, über 100 Operationen in rund drei Jahrzehnten. Mehrmals schwebte er schon zwischen Leben und Tod. Seit rund zehn Jahren lebt er mit einem künstlichen Darmausgang. Doch von seinem schweren Schicksal hat sich der 32-Jährige nicht unterkriegen lassen.



Sein Wunsch, mit Ende 20 auch einmal in einer eigenen Wohnung leben zu können, schien anfangs unerfüllbar. Viele Fragen waren ungeklärt: Denn welche Möglichkeiten standen ihm eigentlich offen, an welche Stellen sollte er sich wenden und wovon sollte er das zahlen? Der Familie standen schließlich Christina Bock und Marianne Wild vom Sozialverband VdK in Geretsried mit Rat und Tat zur Seite. Gemeinsam leiten sie eine Gruppe von zwölf ehrenamtlichen Pflegebegleiterinnen. Sie unterstützten Markus P. beim Ausfüllen der erforderlichen Anträge und begleiteten ihn zu Terminen etwa ins Tölzer Landratsamt.
Vor rund drei Jahren ist Markus P. in eine eigene behindertengerechten Wohnung gezogen, in der er sich mit seinem elektrischen Rollstuhl ohne Schwierigkeiten bewegen kann. Inzwischen hat der junge Mann geheiratet und lebt zusammen mit seiner Frau.
Immer noch werden rund 70 Prozent aller Pflegebedürftigen von ihren Angehörigen zu Hause gepflegt. Angehörige bei ihrer Aufgabe zu begleiten, zu stärken und zusammen mit ihnen Mittel und Wege zur Entlastung zu suchen, darum geht es den ehrenamtlichen Mitgliedern der Pflegebegleitung. Arno Bock ist Pressesprecher des VdK Geretsried und engagiert sich ebenfalls als Pflegebegleiter. „Wir versuchen gemeinsam mit pflegenden Angehörigen eine Lösung im Dschungel der Zuständigkeiten zu suchen“, erklärt er. Deshalb hat der VdK Geretsried im Jahr 2008 einen Kurs zumThema „Begleitung pflegender Angehöriger“ organisiert. Heute trifft sich die Gruppe von zwölf Pflegebegleiterinnen einmal im Monat, um sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu unterstützen und Einzelfälle zu besprechen.
Eltern mit behinderten Kindern, Kinder, die ihre alten Eltern pflegten oder auch Frauen und Männer, die ihre Ehepartner pflegten, hätten schon bei der VdK-Gruppe Rat gesucht, sagt Christina Bock. Ein großes Maßan Einfühlungsvermögen sei eigentlich immer gefragt. „Sich Zeit zu nehmen für die Menschen, ihnen zuhören zu können, das ist das Entscheidende“, ergänzt Arno Bock. Dabei gehe es nicht darum, Menschen fertige Lösungen vorzusetzen. Vielen Menschen sei schon geholfen, wenn sie sich einmal aussprechen könnten. Denn wenn in Familien Angehörige gepflegt werden, entwickeln sich manchmal Konflikte. Kinder ziehen sich zurück und lassen etwa die Mutter bei der Pflege des Vaters mit ihren Sorgen allein. Und so manche Mutter eines behinderten Kindes steht bald allein da, weil ihr Mann sie verlassen hat.
„Alleinerziehende Mütter können oft nicht arbeiten und haben wenig Geld“, sagt Arno Bock. Ein eigenes Auto, etwa um das Kind zum Arzt zu bringen, könnten sie sich nicht leisten. Oft wüssten die Mütter nicht, auf welche Hilfsangebote sie für ihr Kind zurückgreifen könnten. Manche Leistungen, etwa Fahrdienste, würden bezahlt. „Das versuchen wir zusammen mit den Betroffenen zu organisieren“, sagt Bock. Auch bei Leistungen, welche die Pflege- oder Krankenkasse erbringen muss, helfen die Pflegebegleiter. Auf ausdrücklichen Wunsch der Pflegebedürftigen begleiteten sie diese auch bei Behördengängen.
Darüber hinaus brauchten Angehörige Unterstützung, wenn sie demente Familienmitglieder pflegten oder im Pflegeheim unterbringen müssten, erklärt Christina Bock. Eine fundierte Rechtsberatung könnten die Pflegebegleiter allerdings nicht geben. Der Anrufbeantworter der Pflegebegleiter-Hotline ist unter Telefon 08171/23 81 75 zu erreichen.
Um Pflegebedürftige und ihre Angehörigen auch materiell unterstützen zu können, sind die Pflegebegleiter des VdK auf Spenden angewiesen. Mit dem Geld können Möbel wie eine erhöhte Sitzcouch oder ein Sessel mit Aufstehhilfe erworben werden. Solche Möbel könnten zum Beispiel Markus P. das Leben sehr erleichtern.

(SZ vom 17.12.11)