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02.12.2011

SZ – Landkreis Ebersberg

Von einer Sekunde zur anderen

Ganz vorsichtig beugt Clara sich zu ihrer Mutter herab. Die 14-Jährige umarmt sie so achtsam, als sei sie eine zerbrechliche Porzellanpuppe. Ein Sinnbild für die Fragilität des Verhältnisses, aber auch für ein zartes, behutsames Annähern. Johanna D. (Namen geändert) sitzt im Rollstuhl. Die Haare mit bunten Flechtzöpfen durchwirkt und mit einem farbenfrohen Tuch gebändigt, erinnert sie optisch ein klein wenig an Komikerin Gaby Köster.



„Die hat es doch auch geschafft“, sagt Johanna D. leise und streichelt ihrer Tochter zärtlich über den Rücken – mit der geballten Faust, denn die verkrampften Finger wollen sich einfach nicht lösen lassen.
Tatsächlich gibt es eine dramatische Parallele im Leben der Prominenten und im Leben von Johanna D. Während ein Schlaganfall vor dreieinhalb Jahren Kösters schillernden Alltag auf der Bühne und im Fernsehen einfach ausknipste, traf es Johanna D. im vergangenen April. In ihrem Kopf platzten drei, vielleicht auch vier Aneurysmen. So genau konnten die Ärzte das gar nicht feststellen, sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, das Leben der 49-jährigen alleinerziehenden Mutter zu retten. Johanna D. schaffte es, doch die kaputten Arterien zerstörten all jene Hirnregionen, die für ein selbstbestimmtes Leben notwendig sind. Johanna D. kann nicht mehr laufen, nicht richtig greifen, sie hat Mühe mit dem Sprechen und mit der Konzentrationsfähigkeit. Vor allem aber kann sie sich nicht mehr um ihre jüngste Tochter kümmern. An das Führen eines Haushaltes ist gar nicht zu denken. Johanna D. ist seit der Gehirnblutung auf Pflege rund um die Uhr angewiesen. Ein karges, kleines Zweibettzimmer in einem Pflegeheim ist inzwischen ihr Zuhause.
Für Clara scheinen die vergangenen Monate wie ein Alptraum, der ihr das Lachen und die unbeschwerte Fröhlichkeit eines heranwachsenden Teenagers genommen hat. Wie Perlen auf eine Kette reihten sich traumatische Erlebnisse. Zuerst der Schock, als Clara an diesem furchtbaren Apriltag aus der Schule nach Hause kam und gleich bemerkte, dassmit ihrer Mutter etwas nicht stimmte. Den Ernst der Lage erkannte das Mädchen aber erst am Abend, nachdem Johanna D. nicht zur Arbeit gegangen war und einen orientierungslosen Eindruck machte. Clara rief den Notarzt und verständigte ihre 23-jährige Schwester Susanne, die mit Freunden in einer Wohngemeinschaft lebt. Wie ernst es um die Mutter stand, erfuhren die beiden noch in der Nacht im „Rechts der Isar“, in das der Notarzt Johanna D. sofort hatte bringen lassen. Was auf sie noch zukommen würde, konnten sie nicht ahnen.
Obwohl die ältere Schwester Clara zunächst bei sich in der WG aufnahm, wurde schnell klar, dass sie mit der Situation vollkommen überfordert war. Einerseits hatte die Bürokauffrau plötzlich die Verantwortung für die kleine Schwester, andererseits aber auch für die hilfebedürftige Mutter, die ihre Angelegenheiten nicht mehr regeln konnte. „Susanne musste alles bestimmen“, erinnert sich Carola Schreiner, Mitarbeiterin des Ebersberger Jugendamtes. Sogar über Leben und Tod sollte sie entscheiden. Zum Beispiel, ob die Ärzte der Mutter die Schädeldecke entfernen durften, um das Gehirn vom Druck der Blutungen zu entlasten. Gleichzeitig musste sie sich darum kümmern, dass die Wohnung ihrer Mutter und Schwester aufgelöst wird. Sie musste einen Platz in einem Pflegeheim finden, sich mit dem Gericht über die gesetzliche Betreuung auseinandersetzen und ganz nebenbei dem Freund und ihrer Arbeit gerecht werden. Und dann war da auch noch Clara. Während Susanne nicht mehr wusste, was sie zuerst anfangen sollte, wurde Clara immer schlechter in der Schule. Computer, Fernsehen, Partys – die 14-Jährige suchte sich immer neue Fluchträume. Bis sich das Jugendamt nach einem Hilferuf der großen Schwester einschaltete.
„Eigentlich hat es mir ganz gut in der WG gefallen“, erzählt Clara. Doch an der Art, wie sie sich ein kleines Lächeln abringt, mag man ihr das nicht so recht abnehmen. Dafür spricht auch, dass sich Clara wohl auf der Suche nach Fürsorge und Geborgenheit auf die Suche nach ihrem Vater gemacht hat. Der hatte sich schon vor Jahren ins Ausland abgesetzt. „Ich hab ihn letztens auf Facebook gefunden“, sagt Clara. Ihn anschreiben will sie aber nicht. Dazu ist ihre Wut auf ihn viel zu groß. Nicht zuletzt aber hat sie auch einen Unterschlupf gefunden, wo sie ein wenig zur Ruhe kommen kann. Das Jugendamt konnte das Mädchen in eine Pflegefamilie vermitteln, die Clara so lange aufnimmt, wie es nötig ist. Jetzt wohnt Clara zwar auf dem Land weit weg von Schule, Freunden und dem Pflegeheim, wo sie einmal wöchentlich mit Bus und Bahn hinfährt, um ihre Mutter zu besuchen. Aber es gibt Pferde. „Die tun ihr gut“, sagt Claras Pflegemutter. Schwierig sei nur, die Reitstunden zu bezahlen.
Carola Schreiner wünscht sich für die 14-Jährige und ihre Schwester auch eine Familientherapie. Die ist aber im Leistungskatalog der Krankenkassen nicht enthalten. Sie wäre eine Hilfe, damit die beiden Mädchen das Trauma, das sie so eng verbindet und trotzdem so weit voneinander entfernt, aufarbeiten können; davon ist Carola Schreiner überzeugt. Denn Susanne, so scheint es, ist der Verantwortung und den Sorgen, die in den vergangenen Monaten auf sie eingestürzt sind, nicht mehr gewachsen.
„Sie war noch nicht einmal bei uns“, sagt die Pflegemutter ganz leise. Als würde es Clara nicht bewusst, wenn sie es nicht hört.

(SZ vom 02.12.11)