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03.12.2011

SZ vom 03.12.11

Tischlein deck dich

Die Menschen streben wie in einer Prozession der Lätarekirche entgegen. Dick angezogen sind sie und rollen Einkaufswagen hinter sich her. Dienstag ist Tafel-Tag in Neuperlach. Für 900 Neuperlacher, die an der Armutsgrenze leben, zaubert die Tafel mehr Vielfalt und mehr Vitamine auf den Tisch und damit ein paar Euro mehr für andere notwendige Dinge ins Portemonnaie.



Der Plastikausweis am roten Anorak der kleinen Frau aus Weißrussland hat leider die falsche Farbe: Sie wäre erst in der nächsten Woche dran. Weil der Andrang so groß war, dass am Ende keiner mehr satt wurde, mussten die Organisatoren auf die Ausgabe alle zwei Wochen umstellen, wie Barbara Gau von der Neuperlacher Tafel erklärt.
Ob die kleine Frau die Wochen wirklich verwechselt hat oder ob der Hunger sie hertrieb, lässt sich nicht feststellen. Sie muss jedenfalls warten, bis alle ihre Tüten voll haben, die regulär anstehen. Erika Heinze, 76, ist ordentlich gekleidet. Man soll ihr nicht ansehen, wie sehr sie rechnen muss mit ihrer Kellnerinnen-Rente. Dankbar nimmt sie die Zitronen und Mandarinen entgegen: „Ich teile es mir gut ein. Ich verwerte alles. Das habe ich so gelernt.“ Erika Heinze ist nicht mehr gut zu Fuß, nimmt gerne das Angebot des ehrenamtlichen Helfers der Johanniter, Werner Blöchl, an, sie mit dem Obst und Gemüse heimzubringen. Blöchl liefert ohnehin an einige Behinderte, die den Weg nicht schaffen: „Manche sind schon narrisch arm.“
Die Münchner Tafel, die inzwischen 24 Stationen bedient, würde auch in Neuperlach nicht funktionieren ohne die Ehrenamtlichen um Barbara Gau, 68. Da ist etwa der Prinz, mit vollem Namen Friedrich Wilhelm Prinz zur Lippe: Seit zehn Jahren gehört er zum Team. Mit gespendeten Lieferwagen holen sie morgens im Großmarkt die leeren Kisten ab und klappern dann Läden und Händler ab, die ausgesonderte Ware spenden. „Allein 140 Kinder sind unter den Beziehern“, begründet Prinz zur Lippe sein Engagement.
Gertraud Derflinger steht am Anfang der Tische: Sie kreuzt alle auf einer Liste an, die sich einreihen. Es darf nicht jeder kommen. Gau prüft genau die Einkommensverhältnisse. Junge Menschen, sagt sie, bekommen den Ausweis für ein Jahr, Rentner, die nie mehr etwas dazuverdienen können, auch unbefristet. Viele Helfer stehen in der Kälte hinter den Tischen, die sich anfangs noch unter den Waren biegen. Helfer Wolfgang Reif ist inzwischen schon damit beschäftigt, leere Schachteln und Kisten für den Wertstoffhof zu trennen. Er beklagt, dass die Spendenbereitschaft der Händler nachlasse, vor allem bei Fleisch und Wurst: Mancher scheue leider das Risiko, dass die Ware unterwegs verderbe und er dann hafte. In der Schlange warten viele Männer, sie haben ihre Plastiktüten griffbereit, die große für die noch erdigen Kartoffeln, kleinere für Zwiebeln, Karotten. Grundnahrungsmittel bietet die Tafel immer: „Notfalls kaufen wir sie dazu, da helfen uns Spenden“, sagt Gau.
„Ich esse und ich koche gerne“, sagt der 73-jährige Roger Grohsy, auch er ist aus Russland eingewandert. Viele hier kennen sich, weil sie im Chor „Laryssa“ in der jüdischen Gemeinde singen. Andere sprechen arabisch, dolmetschen füreinander: Nein, neue Bezieher nehme die Tafel frühestens wieder im Januar auf, die Warteliste sei lang, lässt Barbara Gau übersetzen.
Eine junge Mutter zieht entmutigt ab. Andere verteilen unter sich die Kleiderspenden, die hergebracht wurden. Eine Frau erzählt, sie habe sich im vergangenen Jahr endlich einen Wintermantel kaufen können, weil die Tafel ihr sparen half. Ihren Namen will sie lieber nicht nennen. Ein anderer freut sich auf Kohl: Die Blätter würden auch seinem kranken Knie helfen, darauf schwöre er. Neben Obst und Gemüse gibt es auch Milchprodukte in Kühlboxen, Brote und Semmeln in großen Plastikkisten. Für Weihnachten werden die Helfer wieder Lebkuchen und Stollen dazukaufen – damit auch die Armen ein süßes Fest haben.

(SZ vom 03.12.11)