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01.12.2011

SZ vom 01.12.11

Sie müssen so stark sein

Die Mutter sagte, da war sie schon sehr krank: Ich würde so gerne erleben, wie die Kinder groß werden. Sie hat es nicht mehr geschafft, sie ist vor einem Jahr gestorben. Die Diagnose Krebs kam, als ihr Sohn fünf und ihre Tochter sechs Jahre alt waren.



Pia und Marc haben bis zuletzt bei ihrer Mutter gewohnt, haben miterlebt, wie sie gekämpft hat, mehrere Operationen durchgestanden und die Hoffnung nie aufgegeben hat. Doch der Krebs ist immer weiter gewachsen. Am Ende hat die Mutter Pia und Marc gar nicht mehr erkannt, was muss das für die Kinder bedeutet haben.
Die Geschwister leben weiter in ihrer bisherigen Wohnung, der Vater ist zu ihnen gezogen mit seiner neuen Partnerin. Mohamed Rashid hatte sich schon vor Jahren von Pias und Marcs Mutter getrennt, das Verhältnis der Eltern war aber immer in Ordnung. Und so hatten sie der kranken Mutter versprochen, nach ihrem Tod in die Wohnung zu ziehen, um den Kindern zu all dem Leid nicht auch noch einen Ortswechsel zuzumuten.
Die elfjährige Pia hat den Verlust der Mutter vergleichsweise gut verkraftet, erzählt der Vater, sie besucht dasGymnasium, hat gute Noten. Ihr Bruder aber, er ist zehn, hat schwer zu kämpfen. Traurig wirkt er, oft redet er über seine Mama mit Nicole Fischer, der „Ersatzmutter“. „Man merkt es an seinen Augen, wie es ihm geht“, sagt sie.
Sie verstehen sich gut in der Patchworkfamilie, aber die Anstrengung im zurückliegenden Jahr war so groß, dass Nicole Fischer in der Arbeit zusammengebrochen ist. Sie und Mohamed Rashid haben beide eine Stelle, und doch reicht es kaum zum Leben für die vierköpfige Familie. Von Mitte des Monats an müssen sie jeden Cent umdrehen, „wir schaffen es gerade so“. Er ist Koch, sie Verkäuferin, beide Gehälter sind mager, aber doch jenseits jener Grenzen, die über Sozialleistungen entscheiden. Sie hat ihre Arbeitszeit stark reduziert, um für die Kinder da zu sein. Pias Klasse geht bald ins Skilager, das Mädchen würde so gerne mitfahren, und Marc wünscht sich ein paar neue Möbel für sein Zimmer und einen neuen Teppich. Ohne Hilfe von außen bliebe das alles ein Wunsch. (Alle Namen geändert.)

(SZ vom 01.12.11)