SZ Adventskalender für gute Werke der Süddeutschen Zeitung

FORMULARE

BITTE BEACHTEN SIE

Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)

08.12.2011

SZ - Landkreisausgabe Ebersberg

Krank vor Kummer und Schmerz

Die Einsamkeit, die Magdalena M. (Name geändert) im Süden Rosenheims verspürt, ist grenzenlos. Hier, vor der malerischen Alpenkulisse, wo sich ein idyllisches Dorf samt gepflegter Bauernhäuser und bunter Geranientöpfe aneinander reiht und der Himmel noch ein bisschen weiß-blauer strahlt denn im restlichen Bayern. Doch die beschaulichen Fassaden und dieMenschen, die dahinter wohnen, strafen Magdalena M. – die Zugezogene – mit Schweigen.



Fünf Jahre erträgt die heute 69-Jährige die Bestrafung durch fehlende Beachtung in diesem Idyll, ehe sie wieder in den Landkreis Ebersberg, ihre Heimat, zurückkehrt. Fünf elende Jahre, die doch nur eine Episode darstellen. Denn Magdalena M. erträgt in ihrem Leben nicht nur Einsamkeit, sondern mehr als ein Mensch eigentlich zu ertragen bereit und fähig ist.
Selbst den Krebs, der ihren Körper in Besitz genommen hat, erduldet Magdalena M. – in dem Wissen, dass er irgendwann für ihren Tod verantwortlich sein wird. Vor fünf Jahren ertastete sie an der Brust einen Knoten, der keinen anderen Schluss zuließ: Krebs. Just einen Tag, nachdem sie sich gezwungen sah, ihre Mutter in die Obhut eines Pflegeheims zu übergeben. „Das kann kein Zufall gewesen sein“, sagt Magdalena M. rückblickend. „Heute glaube ich, dass viel mit dem Schock zusammen hängt, meine Mutter alleine zu lassen. Das wollte ich nie.“ Ihre geliebte, am Ende schwer demenzkranke Mutter, die sie vier Jahre pflegte. Für die sie ihre kleine Näherei aufgab: „Denn ich konnte nicht anders. Ich hätte meine Mutter nicht in ein Heim geben können.“Als es aber dem Ende entgegen geht, kann sie die Mutter nicht in den eigenen vier Wänden pflegen.
Eine Chemotherapie lehnte Magdalena M. nach der erschreckenden Bestätigung der eigenen Befürchtungen ab. Die gelernte Entwurfsdirektrice – heute heißt dieser Beruf Bekleidungsdeseignerin – vertraut der Schuldmedizin nicht. „Meine Eltern und Großeltern haben mich zu sehr geprägt. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, meinen Körper mit Gift zu überschwemmen“, sagt sie und blickt auf das kleine Kruzifix, das in ihrer gemütlichen Wohnung die Wand ziert. Nur wenige Monate gaben ihr die Ärzte damals – und irrten sich. Vielmehr vertraut Magdalena M. der Homöopathie – und ihrem Glauben. „Er gibt mir Kraft. Er hat mich gelehrt, dass ich nicht in Selbstmitleid zerfließen darf.“ Nach der Diagnose Brustkrebs wendet sie sich an Freunde und Bekannte und bittet um Spenden für eine Immuntherapie, vertraut ihrem Homöopathen – und verliert dennoch eine Brust. „Die Ärzte haben gepfuscht. Nach einer Lymphdrainage hat der Krebs ausgestrahlt und mir musste die Brust entfernt werden“, erläutert sie. „Dann kamen die Schmerzen an Hals und Rücken.“ Seit den aufkommenden Rückenproblemen kann die 69-Jährige, die seit der Jugend an einer chronische Nieren- und Blasenerkrankung leidet, kaum mehr schwer heben – ihre Tätigkeit als Näherin musste sie vollends einstellen. Der Gang zum Sozialamt war unvermeidlich, gleichwohl sie 700 Euro Rente bezieht. Ein Auskommen ist damit nicht möglich – daher kommt eine Spende des SZ-Adventskalenders zur rechten Zeit: Schließlich droht ihr Kühlschrank bald auseinander zu brechen. „Einen neuen könnte ich mir nicht leisten. Auch wenn mich das Sozialamt noch einmal mit 370 Euro monatlich unterstützt.“
Scham verspürt sie nicht: „Aber ich wollte, ich könnte selbst etwas dazu leisten.“ So wie sie es in ihrem Leben immer getan hat. Nach dem Scheitern der ersten Ehe, als sie für die beiden Söhne sorgen musste. Nach dem Scheitern der zweiten, als der dritte Sohn der alleinigen Fürsorge der Mutter bedurfte. Die Bekleidungsdesignerin hat ihren Meister gemacht, in Führungspositionen gearbeitet. Selbst, als in dieser Branche für sie keine Zukunft mehr bestand, suchte sie nach einer Lösung und fand diese nach einer Umschulung in der Anstellung als Schwesternhelferin. Zwischenzeitlich aber verließen Magdalena M. die Kräfte; Depressionen bis hin zu Suizidgedanken prägten ihr Leben; ihren Sohn musste sie für Monate in die Obhut seiner Lehrerin geben. Allzu viel will Magdalena M. an diese schweren Zeiten aber nicht denken – vor allem nicht an beide Ehen, die trotz des Glücks der Anfangszeit jeweils zur „Hölle“ gerieten: „Ich will die Vergangenheit einfach vergessen und im Jetzt leben. Noch habe ich etwas Zeit und habe nicht vor, sie zu vergeuden.“
Trotz aller Schmerzen. Trotz des Verlustes, den der Tod der Mutter vor fünf Jahren darstellt. Trotz der Sorgen, auf jeden Cent achten zu müssen. Magdalena M. ist nicht mehr allein, hat Freunde und Bekannte in ihrem Heimatort. In manchen Momenten aber sucht sie bewusst die Einsamkeit: „Weil ich mich meist zu oft kümmern will. Dann werde ich mit den Problemen anderer beladen und beginne die Last zu spüren.“ In diesen Phasen zieht sich Magdalena M. zurück, stellt im Wohnzimmer eine Leinwand auf und beginnt zu malen. Bunte Bilder, sehenswerte Landschaften, glückliche Menschen. Kein Mensch würde beim Anblick der Werke denken, dass die Schöpferin das Alleinsein allzu gut kennt.

(SZ vom 08.12.11)