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21.12.2011

SZ vom 21.12.11

"Hier entfernt man sich von der Welt"

Er hat es wieder und wieder versucht. Hat sich untersuchen lassen, die nächste Chemotherapie ertragen, die nächste Bestrahlung. Er hat sich ein Bein amputieren lassen, mit der Prothese gehen gelernt, und lag am Ende trotzdem wieder in der Klinik, weil eine neue Metastase herausgeschnitten werden musste. Florian Jocher (Name geändert) ist 28 Jahre alt.



Er leidet an einem Ewing-Sarkom, einem aggressiven Knochenkrebs. Seit 2008 hat Jocher gegen die Krankheit gekämpft. In diesem Frühling hat er beschlossen, den Kampf aufzugeben. Seit November lebt Florian Jocher im Christophorus- Hospiz.
Jocher hatte Informatik studiert und sich eben selbständig gemacht, als er zum ersten Mal Schmerzen im Knie spürt. „Ich habe damals am Wochenende noch in einer Diskothek gearbeitet. Das hat mir einfach Spaß gemacht“, erzählt er. Die Schmerzen im Knie bleiben, und so geht er nach einigen Wochen doch zum Arzt. Dann geht alles ganz schnell: Der Tumor wird diagnostiziert, es folgt eine lange Chemotherapie, die Amputation des Beines, wieder Chemo. „Man wundert sich, was man alles aushält“, sagt Florian Jocher.
In einer Reha-Einrichtung lernt Jocher seine neue Freundin kennen, er beginnt wieder, als Informatiker zu arbeiten. „Ich habe gehofft, dass ich mir doch ein normales Leben aufbauen kann“, sagt er. Doch schon vier Monate nach der Amputation entdecken die Ärzte den ersten Fleck auf der Lunge. „Ich habe gehofft, dass es ein Ausreißer war.“ Die Metastase wurde entfernt. Jocher fährt nach Kroatien in den Urlaub, doch als er zurück ist, werden zwei weitere Metastasen in den Lungenflügeln entdeckt, eine wird bestrahlt, eine operiert.
Jocher macht Schluss mit seiner Freundin. „Ich wollte ihre Zeit nicht verschwenden“, sagt er. „Und ich brauchte Ruhe.“ Doch die Krankheit lässt ihm keine Zeit zum Durchatmen, in immer schnellerem Takt kommen nun die schlechten Nachrichten. Schon ein paar Wochen später hat sich eine weitere Metastase in der Lunge gebildet, die bestrahlt wird. „Ich habe danach noch mal versucht, mich aufzurappeln“, sagt Jocher. Er zieht wieder in seine Wohnung, arbeitet. „Doch es wurde immer schwieriger, Hoffnung zu haben.“
Im April schließlich: zwei neue Metastasen in der Lunge, kurz darauf vier weitere, diesmal auch am Herzen. Das ist der Moment, in dem Jocher nicht mehr kann. „Das Hin und Her ist das Schlimmste“, sagt er. Und: „Es ist einfacher, sich für eine Therapie zu entscheiden, als sich für den Tod zu entscheiden.“ Er entscheidet sich für den Tod. Ein letztes Mal reist er nach Kroatien, doch bald geht es ihm schlagartig schlecht. „Ich fühle mich wie ein Hundertjähriger“, sagt er, „ich kann nur ein paar Meter laufen.“ Er legt die Hand auf die Brust: „Es ist alles voller Krebs. Das ist surreal.“
Im Hospiz findet er Sicherheit und Betreuung. „Hier entfernt man sich schon ein bisschen von der Welt“, sagt er. Auf dem Bett sitzen, fernsehen, Kaffee trinken. Mehr ist nun nicht mehr zu tun. Florian Jocher will seiner Familie nicht zur Last fallen, und er will ihr auch keine Schulden hinterlassen. Er muss seine Wohnung kündigen, doch das geht nur mit dreimonatiger Kündigungsfrist. Durch seinen Umzug ins Hospiz bekommt Jocher aber keine Sozialleistungen mehr, sondern lediglich ein Taschengeld. Die Miete kann er davon nicht begleichen. „Was ich mir wünsche?“, sagt er. „Nix, nur einen schnellen Tod.“

(SZ vom 22.12.11)