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20.12.2011

SZ vom 20.12.11

Ein schwieriges Jahr

An der Tür zum Bad hängt noch das Poster von Michael Jackson, und auch in der Vitrine im Wohnzimmer stehen Postkarten und kleine Figuren des Popstars. „Jana war so ein großer Fan von ihm“, sagt Anna Bahr. „Ich habe es noch nicht übers Herz gebracht, diese Sachen abzuhängen.“ Auf der Lehne des Wohnzimmersofas steht ein Foto von Jana, der Enkelin von Anna Bahr (alle Namen geändert).



Eine junge Frau mit blonden Haaren lächelt fröhlich und lebenslustig in die Kamera. „Hier hat sie immer gesessen“, sagt sie und deutet auf die Stelle auf der Couch. Kurz vor ihrem Tod schaffte die 36-Jährige es vom Bett auf Krücken nur noch bis zu ihrem Platz im Wohnzimmer.
Das Jahr 2011 war ein schlimmes Jahr für Anna Bahr. „Das hat mich viel Kraft gekostet. Hoffentlich wird 2012 besser. Zwölf ist eigentlich meine Glückszahl“, sagt sie mit ihrer leisen, etwas brüchigen Stimme. Sie ist 82 Jahre alt, „ein echtes Münchner Kindl“, wie sie erzählt. Seit fast fünfzig Jahren lebt sie in ihrer Wohnung im Hasenbergl. Sie hat zwei Töchter und einen Sohn zur Welt gebracht, und 1978 nahmen sie und ihr Mann schließlich ihre Enkelin Jana auf, die damals vier Jahre alt war. Denn die Ehe der Tochter war gescheitert. „Sie ist bei mir geblieben“, erzählt Bahr, die Enkelin wuchs bei Opa und Oma auf. Doch 1989 starb der Ehemann an Krebs, kurz danach brach bei Jana Epilepsie aus. „Es war ein Schock für sie, als sie erfuhr, dass ihr Opa gestorben ist.“ Eine Erzieherin hatte ihr die Todesnachricht auf ziemlich rüde Art mitgeteilt.
2002 brachte Jana einen Sohn zur Welt. Anna Bahr versorgte nun nicht nur ihre chronisch kranke Enkelin, sondern auch deren Sohn Daniel, der geistig behindert ist und die Förderschule besucht. Und das, obwohl sie sich 2009 bei zwei Stürzen einen Oberschenkelhals und einen Beckenknochen gebrochen hatte und unter Osteoporose und Arthrose leidet. Anna Bahr geriet an die Grenzen ihrer Kräfte. Der Zustand von Jana verschlechterte sich zusehends, „irgendwann konnte sie gar nicht mehr vor die Tür gehen“. Doch Anna Bahr kümmerte sich um ihre Enkelin und ihren Urenkel, trotz ihres hohen Alters. Sie kaufte ein, kochte für die beiden, stützte Jana beim Gang zur Toilette – bis Jana im April dieses Jahres an den Folgen ihrer Krankheit starb. Anna Bahr verbirgt ihr Gesicht in den Händen, als sie davon erzählt. „Ich vermisse sie so sehr“, sagt sie und reibt eilig die Tränen weg, die ihr über die Wangen gelaufen sind. „Sie musste so sehr leiden.“
Doch der Tod von Jana blieb nicht der einzige Schlag für Anna Bahr in diesem Jahr. Sie musste sich auch von Daniel trennen, der aufgrund seiner Behinderung eine spezielle Förderung benötigt und seit September in einem Wohnheim in Bayrisch Gmain lebt. „Sie sterben doch eh bald“, habe es geheißen. Einmal im Monat kommt Daniel am Wochenende zu ihr. „Er vermisst seine Familie“, sagt sie, „und er hat den Tod seiner Mama noch nicht verwunden.“
So ist es zuletzt sehr still geworden in der Drei-Zimmer-Wohnung von Anna Bahr im Hasenbergl. Viel zu groß ist sie der alten Dame nun, und viel zu teuer ohnehin. Miete, Telefon und die Kosten fürs Fernsehen zehren fast die gesamte Rente auf, ihr bleiben nur rund 100 Euro zum Leben. Außerdem wird es immer schwieriger für die 82-Jährige, die Stufen bis in den ersten Stock zu meistern. Die Einkäufe nach Hause zu tragen, ist für Anna Bahr mittlerweile sehr beschwerlich geworden.
Deshalb will die Rentnerin nun umziehen. Die Wohnung soll viel kleiner sein, sie sollte mit einem Aufzug zu erreichen sein und vor allem in Neuperlach liegen, wo Anna Bahrs Tochter mit ihrer Familie lebt. Die Zwillingsschwester von Jana, die bei ihrer Mutter lebt, leidet ebenfalls unter Epilepsie und muss gepflegt werden. Würde Anna Bahr nicht am anderen Ende der Stadt leben, sondern in der Nähe ihrer Tochter, könnte sie von ihr unterstützt werden. „Sie könnte für mich einkaufen und mich hin und wieder zum Arzt begleiten“, sagt Anna Bahr. Doch einen Umzug kann sie sich nicht leisten, und auch ihre Kinder können sie finanziell nicht unterstützen. Möbelpacker sowie einige neue Möbel, einen Schrank etwa, weil der alte wohl kaum in eine kleinere Wohnung passen würden – das alles ist im schmalen Budget derzeit nicht drin.
„Ich bin hier ganz allein“, sagt Anna Bahr, „das belastet mich schon sehr.“ Die gebrechliche alte Dame wiegt nur noch 42 Kilogramm. Das vergangene Jahr hat sehr an ihr gezehrt. Dann lächelt sie vorsichtig und sagt: „Zehn Jahre Leben hab ich beim lieben Gott noch bestellt.“ Siewill für ihren Enkel da sein, bis er volljährig ist. Wenn sie in dieser Zeit auch in der Nähe ihrer Tochter leben könnte, wäre sie sehr dankbar.

(SZ vom 20.12.11)